"Wir sind mehr als nur Putzfrauen."

Nachrichten
Author
Jonathan Lefèvre
Solidaire

Ein Brot pro Monat. Dies "bieten" die Unternehmen den 140.000 Haushaltshilfen, die im Dienstleis-tungsbereich arbeiten, gerne an. Ein erneutes Zeichen der Verachtung. Also antworten die Lohnabhän-gigen mit Taten. Am 28. November letzten Jahres fand in Brüssel die erste Aktion eines langen Kampfes der Haus-haltshilfen statt.

poetsvrouwen

"Es ist wirklich Zeit, zu zeigen, dass wir auch jemand sind, nicht "nur" Putzfrauen. Wir sind mehr als das." Gina Verbeke, 55, arbeitet im Gewächshaus in Waregem, in einem Reinigungsunternehmen, das 3.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Gewerkschaftsvertreter der CSC (Christliche Gewerkschaft) fährt fort: "In meinem Alter wird es körperlich immer schwieriger. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich wirklich erschöpft. Ich bin allein, und die Löhne sind wirklich niedrig. Ich kann nicht Vollzeit arbeiten, denn die Arbeit ist anstrengend und ich will nicht krank werden. Ich kann es mir nicht leisten, ein paar Monate zu Hause zu bleiben. Es geht ums Überleben.“

Ihre Kollegin Amandine Staelens, Gewerkschaftsvertreter der FGTB (sozialistische Gewerkschaft): "Es ist eine sehr schwierige Aufgabe. Ich bin 38 Jahre alt und habe bereits Rückenprobleme…“

Es ist ein sehr harter Job, besonders für Frauen. In der Tat sind 98 % der Beschäftigten im Dienstleistungssektor Frauen. Unsichtbare Arbeiterinnen. Unsichtbar für eine Gesellschaft, die ein Interesse daran hat, sie im Schatten zu halten, um ihren Wunsch nach Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen oder irgendeiner anderen Art von Anerkennung nicht zu laut werden zu lassen.

Benachteiligte Arbeitskräfte

Die meiste Zeit sind diese Frauen allein ohne Kolleginnen am Arbeitsplatz. Dies erhöht die Gefahr sexueller Belästigung und macht die Frauen angreifbarer in Bezug auf wirtschaftliche Unterdrückung. Wie kann man denn kollektiv Rechte einfordern, wenn man allein am Arbeitsplatz ist und von einer Firma angestellt wird, in der man noch nie gewesen ist und von der man zu Einzelpersonen oder Unternehmen geschickt wird? Die Arbeiterinnen in diesem Sektor kämpfen gegen mehrfache Unterdrückung. Sie sind unterdrückt, weil sie in einem System arbeiten, das auf der Ausbeutung von Lohnabhängigen basiert, und unterdrückt, weil sie als Frauen in Belgien durchschnittlich 20 % weniger verdienen als die Männer und viele von ihnen außerdem noch in Teilzeit arbeiten müssen (44 % der Frauen gegenüber 11 % der Männer).

Zusätzlich zu all den Schwierigkeiten, die mit ihrer Arbeit und ihrem Geschlecht zusammenhängen, haben Haushaltshilfen oft einen doppelten Arbeitstag: Wenn sie nach ihrem (schlecht) bezahltem Arbeitstag nach Hause zurückkehren, hängen sie noch mehrere Stunden Hausarbeit an.

Der Kampf dieser Arbeiterinnen ist daher gigantisch, aber sie haben keine Wahl. Die Mehrheit der Arbeiterinnen in der Branche verdient zwischen 800 und 1.000 Euro netto pro Monat. Wenn man alleinerziehende Mutter ist, was in diesem Sektor häufig anzutreffen ist, ist ein Leben unterhalb der Armutsgrenze unzumutbar. "Selbst wenn du Vollzeit arbeitest, kommst du nicht über die Runden. Ich arbeite seit 13 Jahren als Reinigungskraft. Mein Gehalt beträgt 11,74 Euro brutto pro Stunde. Es erhöht sich nicht. Mein Mann geht in Frührente. Das Monatsende ist schwierig. Aber wie wird es erst sein, wenn ich im Ruhestand bin? Ich war schon auf der Seite von mypension.be. Ich werde 600 Euro und ein bisschen im Monat bekommen..." sagt Claudine, eine Reinigungsfrau aus Mons.

Am 28. November 2019 beschlossen die Putzkräfte einen Aktionstag mit einer Kundgebung in Brüssel durchzuführen. Eine Premiere. Erfolgreich. Und kein kleiner Sieg. Was in der Tat nur ein Schritt in Richtung des Ziels ist, nicht nur eine Lohnerhöhung, sondern auch Anerkennung zu erreichen. "Wir fordern Würde. Wir werden überhaupt nicht anerkannt, obwohl wir, wie alle anderen, Achtung verdienen", fährt Claudine fort.

Aus dem Schatten heraustretend

"Diese Arbeiterinnen verdienen unsere ganze Unterstützung, sie verdienen genau den Respekt, der ihnen vorenthalten wird", erklärt PTB-PVDA-Vorsitzende Peter Mertens. Auch dafür kämpfen diese Frauen. Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, die im Schatten arbeiten. Es wird alles getan, um sie außer Sichtweite zu halten. Diese Arbeiterinnen reinigen Häuser für einen lächerlichen Lohn von 11,50 Euro brutto pro Stunde. Und wenn sie eine Erhöhung um 1,1% fordern, wie im Branchenabkommen (AIP, ein zwischen Gewerkschaften und Unternehmen ausgehandeltes Abkommen) vorgesehen, lehnen ihre Auftraggeber dies ab. Dies ist auch die Folge der Kommerzialisierung des Dienstleistungssektors im Jahr 2004 durch den damaligen Arbeitsminister Franck Vandenbroucke (sp.a, sozialdemokratisch). Seitdem dominieren einige wenige große Unternehmen den Markt. Und sie verdienen eine Menge Geld auf dem Rücken dieser Beschäftigten. Ich habe in der Presse gelesen, dass Start People im vergangenen Jahr 18 Millionen Euro an seine Aktionäre ausgeschüttet hat. Gut ist, dass die Arbeiterinnen, die heute in Aktion treten, aus allen drei Regionen des Landes kommen. Wir müssen diesem System ein Ende setzen.“

Seit Mai letzten Jahres ist Peter Mertens Bundesabgeordneter und nutzte die Gelegenheit, Arbeitsministerin Nathalie Muylle (CD&V, Christlich-demokratisch) im Parlament zu diesem Thema zu befragen. Sie antwortete: "Ich hoffe, dass zwischen Unternehmen und Gewerkschaften bald eine Einigung über diese 1,1%ige Erhöhung erzielt wird. Ich halte diese Forderung für legitim, und innerhalb meiner Dienststellen wird ihnen daher die erforderliche Unterstützung gewährt. »

Solange die Erhöhung nicht wirksam ist, solange die Arbeitsbedingungen nicht besser sind und solange diese ArbeiterInnen immer noch nicht respektiert werden, geht ihr Kampf weiter.

R-E-S-P-E-C-T

Ein Kampf, der im ganzen Land tobt. Die Putzkräfte haben die gleichen Probleme, egal ob sie aus Mons, Lüttich, Antwerpen oder Brüssel kommen. Sie sind stolz darauf, diesen Kampf gemeinsam zu führen, vom Norden bis zum Süden des Landes, rot und grün.

Für die Haushaltshilfen geht dieser Kampf über die Forderung nach einer Gehaltserhöhung ("auch wenn es eine erste Notlösung ist") hinaus. "R-E-S-P-E-C-T, findheraus, was es für mich bedeutet", sang Aretha Franklin. Eine klare Botschaft, die die Putzkräfte Ende 2019 an die Unternehmen gesendet haben.